Der schnelle erste Schuss

In heutigen Zeiten muss man normalen Journalismus loben. James Reeves von The Firearm Blog macht gerade welchen in seinen Überlegungen zur Full Conceal M3D, besser bekannt als die klappbare Glock. Ein grundlegendes Problem wird erwähnt: Die Waffe ist nicht schnell in den Einsatz zu bringen. Was mich zu der Frage bringt: Muss man das überhaupt?

Der gleiche Artikel zitiert dann des anderen Correias Seite Active Self-Protection mit dem bekannten und wertvollen Ausspruch „man kann nicht schneller ziehen und schießen als andere schießen können“ – so zumindet meine wenig elegante Übersetzung, die aber das Problem unterstreicht: In 0 Sekunden zieht eben niemand.

Ich persönlich mag schnelles Ziehen und Schießen. Es ist eine exzellente Übung. Aber ich bin mir nicht sicher, in wie weit es wertvoll ist, viel Arbeit zu investieren: Reichen 2 Sekunden? Reichen 1,5 Sekunden? Muss es unter einer gehen?

Mittlerweile versuche ich ja im Clinch nicht mal mehr, meine Pistole zu greifen. Das habe ich mir angeschaut, ausprobiert, das klappt zu selten. Eine Pistole würde ich nur so in den Einsatz bringen wie einen Teleskopschlagstock: Nachdem ich mir Platz gemacht habe. Da ist Sicherheit primär wichtig, Schnelligkeit eher sekundär, zumal eine Hand meistens noch mit dem Gegner beschäftigt ist.

Tom Givens sagt so schön „Du hast Zeit bis zum Ende Deines Lebens für Deinen Schuss“. Die Frage ist, wie genau die Situation aussieht, in der ich wirklich schnell sein muss. Eine Duell-Situation? Eher selten. Eine Situation, die eskaliert? Ja. Wieder Tom Givens: „Wenn ich einen Dollar für jedes ‚Es geschah völlig unerwartet‘ oder ‚Aus heiterem Himmel!‘ hätte, müsste ich nicht Schießausbilder sein“. Kaum eine Situation, die Gewalt erfordert, entsteht aus dem Nichts. Aber heutzutage erkennt kaum jemand eine Situation, die Gewalt erfordert. Hey, ich selbst stamme aus der Generation, die einem Grapscher seine Fehler erklärt und ihm eine Entschuldigung abringt, statt ihm einfach und angemessen auf’s Maul zu hauen1. Wir normalen Menschen sind konditioniert darauf, nett zu sein. Und deswegen sehen wir solche Situationen einfach nicht entstehen und wenn sie da sind, dann überraschen sie uns. Wir rationalisieren uns um Kopf und Kragen.

Ich persönlich weiß, dass ich mir die Zeit, meinen Erstschuss aus dem Holster auf unter 1,5 Sekunden zu drücken, besser spare und statt dessen lieber Aufmerksamkeit („passiert was?“), Beobachtungsgabe („ist das, was da passiert, potentiell gefährlich?“) und Menschenkenntnis („kann das zu einer gefährlichen Situation werden?“) trainiere. Eine früher gezogene Waffe schlägt schnelle Reaktion. Immer.

Und, um den Bogen zurück zu schlagen: Deswegen finde ich die Klapp-Glock, falls sie zuverlässig genug funktioniert, gar nicht doof.