Das fehlende Bindeglied im infanteristischen Halbkilometer

Ich hab’s an mehreren Ecken schon mal erwähnt: Die richtige Optik für das mittellange AR-15 fehlt mir immer noch. Ich erzähle Euch hier mal, was es gibt, was ich kenne und was für mich funktioniert hat.

Erinnert Ihr Euch noch an meinen Auspruch über „1500m-Läufe für 800m-Patronen mit 100m-Visierungen für eine 300m-Doktrin„? Das bezog sich auf die Weltkriegs-Waffen. Aber auch heute ist die Optik ist immer noch der limitierende Faktor für das typische AR-15: Also die 16,75″ oder 18“ Waffe in 5.56×46 bzw .223 Rem.

Man kann damit Mannscheiben noch auf 810m erreichen – wie Henning Hoffmann mal schön in einer frühen Waffenkultur dokumentiert hat. Übrigens damals mit einem wirklich billigen Millet 1-4x DMR ZF von mir – was zeigt: Wenn man Ruhe hat und das Wetter gut ist, dann reicht das völlig. Wirksam ist das allerdings nur noch moderat: 120 Joule kommen aus einem 16,75″-Lauf dort noch an und sorgen sicherlich dafür, dass ein Gegner den Kopf unten hält, für einen effektiven Treffer im Feuerkampf oder gar einen waidgerechten Schuss auf Wild ist das zu wenig.

Für mich bleibt das Maß damit die Distanz von 0-500m, von Henning und den Freunden aus der Schweiz gerne der infanteristische Halbkilometer genannt.

Die Freunde aus der Schweiz decken den übrigens mit dem Sig 550 und einer 4x-Hensoldt-Optik ab. Ich hab‘ das selbst sowohl mit dieser Optik als auch mit dem brillanten Diopter vom Sig 550 geschossen, muss aber festhalten, dass das ZF es sehr viel einfacher gemacht hat1.

Die Amerikaner sehen das ebenso, besonders das USMC, das eben so viel wert auf präzise, weite Schüsse legt wie die Schweizer2. Deswegen haben die das 4×32 ACOG.

Merke: Vierfache Vergrößerung ist eine gute Sache, wenn man Mannziele bis 500m bekämpfen will.

Nur: Was macht man auf kurze Distanzen? Klar, da rockt der Rotpunkt. Für mich gibt’s da nichts anderes als Aimpoint. Entweder der Micro T-1 oder T-2 oder, mittlerweile, speziell für AR-15s das PRO. Bis 200m bin ich damit ziemlich glücklich. Aber auf 500m ist der 2-MOA-Punkt dann auch 26,6cm fett.

Tja, wie kombiniert man das jetzt? Da gibt es mehrere Möglichkeiten, aber alle haben Vor- und Nachteile

Deal with it

Die originale Lösung der Amerikaner: Benutzt eine gute 4x-Optik, freut Euch über die bestmögliche Option auf größere Distanzen… aber wenn ihr wirklich schnell auf schießen müsst, also weil der Gegner kurz vor Euch auftaucht, dann dürft Ihr ruhig panisch werden.

Das ACOG kommt mit dem BAC, dem Bindon Aiming Concept, was verspricht, dass man diese Optik auch mit zwei offenen Augen benutzen kann und das Gehirn das Fadenkreuz (bzw. das Dreieck oder den Pfeil) schon vernünftig über das reale Geschehen projiziert.

Ich habe nur kurz Erfahrung damit gesammelt, wirklich überzeugt bin ich nicht – es funktioniert für mich, aber auch nicht besser oder schlechter als jedes andere 4x-ZF mit Leuchtpunkt.

Huckepack

Das haben die Amis früher gemacht: Ein ACOG montieren und auf das Okular kommt ein kleiner Rotpunkt, ein Docter oder RMR. Damit hat man schon eine bessere Lösung als ohne. Aber man hat leider nur einen guten Indexpunkt um durch das ACOG zu blicken, und keinen für den hohen Rotpunkt. Dafür muss man die Wange vom Schaft nehmen.

Ich selbst habe mal einen kleinen Punkt, von Fachleuten auch Nippel oder Nupsi genannt, an den Schaft geklebt, damit ich einen Indexpunkt für mein Kinn hatte. War nicht wirklich erfolgreich, kann man aber sicherlich trainieren.

Das Hauptproblem bleibt imho, dass die schnell erreichbare Visierung nicht die ist, die man wirklich schnell braucht, sondern die für weitere Entfernungen.

Offset

Dinge, die im IPSC funktionieren, funktionieren auch anderswo meist wirklich gut. Eine Kurzdistanz-Visierung um 45° versetzt zu montieren und dann die Waffe zu drehen, funktioniert. Nicht überall, aber beim AR-15 geht’s, weil der Schaft in einer Linie mit dem Lauf liegt und die Rails nah dran. Hätten wir da einen abgesenkten Schaft wie bei G3 oder FAL, müssten wir viel mehr basteln.

Probleme mit diesem Setup sind etwas kleiner als beim Huckepack und zeigen ein paar Differenzen zwischen IPSC und spontanem Einsatz: Es funktioniert nur von der schussstarken Seite. Wirklich Überraschungs-resistent ist das nicht – es braucht schon einiges an Praxis, die Waffe nicht zu weit oder zu kurz zu drehen. Und der Übergang zwischen beiden Visierungen ist noch abrupter als beim Piggyback.

Ach, und man reißt sich bei fast allen Teleskopschäften den Bart ab, wenn man die Wange am Schaft lässt!

Magnifier

An sich eine coole Idee: Man kriegt die schnelle Visierung schnellstmöglich erfasst, mit den richtigen Indexpunkten und allem. Und man kann eine passende Visierung dazu klappen.

Blöd ist nur, dass der Magnifier bei nicht-Benutzung doof rumhängt. Je nach Montage schränkt er das Sichtfeld ein, liegt dem Hülsenauswurf im Weg, nervt beim Schießen mit der schussschwachen Seite, drückt beim beim Liegen im Roll-over-Prone/Brokeback-Mountain-Prone auf den Boden und verhakt sich im Sling.

Eine Variante davon ist der Twist-Mount. Wenn man von der Theorie ausgeht, dass man bei weiten Schüssen mehr Zeit hat, ist die Idee, den Magnifier nur dann aufzusetzen, wenn man ihn braucht, eine gute. Und wenn er weg muss, geht es wirklich schnell aus dem Weg. Endlich hat der Admin-Pouch am Plate Carrier wieder einen Sinn. Aber meine Meinung ist: Zeug, das nicht an der Waffe ist, ist meist dann weg, wenn man es braucht.

1x/4x

Der Schrägstrich zeigt es: Das ist kein Zielfernrohr mit variabler Vergrößerung. Sondern ein Prismen-System, das zwischen 1x und 4x umschaltet. Verlust? Kein relevanter.

Anbieter gibt es dazu anderthalb: Das Elcan Specter 1x/4x. Und einen mittlerweile nicht mehr erhältlichen Import namens Bulldog von I-E-A, von dem ich nichts weiß.

Das Specter ist vielen bekannt als das Wunderding mit dem viel zu hohen Preis. Mir persönlich wäre das mittlerweile egal, wenn es alle meine Probleme lösen würde. „Wer billig kauft, kauft zweimal“ trifft es schon lange nicht mehr.

Aber das Specter stinkt mir wegen der Montage. Wir hatten vor Ewigkeiten auf einem 0-500-Kurs die Situation, dass der gute LR sich Unsinn zusammen schoss. Wer LR kennt, der weiß, dass das nicht an ihm liegen kann. Und das tat es auch nicht. Sein Backup-Visier, so ein federgelagertes Wunderwerk, hatte sich entsichert und drückte von unten gegen das Specter und kippte es nach unten. Und das dämliche Specter ist in die Richtung nicht gesichert. Das erlaubt die in die Montage verbaute Höhenverstellung nicht.

Für den Preis ein No-Go, es sei denn, man ist wirklich verzweifelt.

Leupold D-EVO

Ihr erinnert Euch vielleicht noch: Der Hit der Shotshow 2015, von dem dann niemand wieder geredet hat. Die Idee ist ganz klever: Man nimmt den Blick vom Ziel ohne den Kopf zu bewegen und schaut in das kleine Periskop.

Wie gut das funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich hab’s bisher nur auf Messen gesehen, aber nie unter Stress ausprobiert. Freunde sind wenig begeistert.

Bei dem Preis schaut man sich imho eh‘ besser das Specter an. Das hat auch Macken, aber immerhin muss man nicht vom Ziel weggucken.

Variable Vergrößerung

Irgendwie klingt es wie die ideale Lösung und im IPSC funktioniert es auch bestens: Ein ZF, das bei 1x anfängt und sich wie ein Dot verwenden läßt und das eine maximale Vergrößerung hat, mit der man präzise auf 500m Schießen kann. Man lässt das ZF auf 1x und ist auf Überraschungen vorbereitet.

Naja, okay, wirklich 1-fach ist das nicht. Man kann die beiden Linsen ja nicht übereinander schieben. Aber 1,1-fach geht. Eventuell auch 1,25-fach. Aber ich hab‘ das nie wahrgenommen. Das ist kein großes Problem. Andere sind da empfindlicher. Hat vermutlich was mit Augendominanz zu tun. Meine ist nicht sonderlich stark ausgeprägt.

Nur der Augenabstand ist hakelig. Mit einem fühlbaren Indexpunkt auf dem Schaft geht’s, aber natürlich ist das bei Schiebeschäften etwas doof, wenn man sich den verstellt. Magpuls UBR und der Ergo F93 machen es besser, weil die Wangenauflage nicht mit verstellt wird (und schonen damit auch Bartträger). Aber der Spielraum beim korrekten Augenabstand eines typischen variablen ZFs ist trotzdem sehr viel geringer als bei einem darauf optimierten wie zum Beispiel dem ACOG. Und darauf kommt es nun mal an, wenn man schnell schießen muss.

Schwer ist diese Lösung auch meistens, besonders mit dem dicken Forward-Mount, der üblich ist dafür.

Und am Ende bleiben variable Zielfernrohre immer etwas empfindlicher als ihre Alternativen. Da ist einfach viel Technik drin. ACOGs haben gegossene Gehäuse mit eingebautem Montagefuß. Die sind fast so stabil wie Aimpoints. Ein variables ZF in der Qualität gibt es einfach nicht.

Trotzdem isses aktuell meine favorisierte Lösung auf meinem R-25. Da verwende ich ein Bushnell 1x-6,5x mit einem eigentlich ziemlich coolen Horseshoe-Absehen in der zweiten Bildebene. Allerdings ist das R-25 mit 18″ Lauf, schwerem Schalldämpfer und dickem Magazin auch keine Waffe, die ich durch die Gegend werfe und eine, die ich hauptsächlich für präzise Schüsse verwende. Nicht ganz die Waffe, die ich zu Beginn skizziert habe. Ich habe damit zwar auch schon ziemlich gut abgeschnitten auf einem Fortgeschrittenen-Kurs für dynamisches Schießen, aber wirklich viel Vertrauen habe ich nicht in die Stabilität.

Die Suche geht also weiter…

Fußnote: Kaum publiziere ich diesen Artikel, schreiben Chris Baker und John Johnston einen Artikel dazu bei luckygunner. Merke: Die finden einen reinen Rotpunkt so viel bequemer, dass die Willens sind, die Einschränkungen in der Reichweite in Kauf zu nehmen.