Lügen, Auslassungen und Annahmen

Da telefonierte ich jüngst mit jemandem, der sicher mittleweile weit besser schießt als ich, der aber so nett war, mich ob meiner Erfahrungen zu befragen. Das wärmt natürlich die alten, müden Knochen (das oder die 3gr Ibuprofen, die gerade durch meinen Körper kreisen, ach, die Bandscheiben…). Während dieses Gesprächs fiel mir auf, dass ich mich einmal korrigieren musste, weil ich etwas missverständlich ausgedrückt hatte. Und dann bemerkte ich, dass dieses Scheissmuster einfach mal erklärt werden muss und dann auf die Halde gehört.

Auslassungen

Wer so ein wenig Fantasy gelesen hat oder seine Volkssagen und Mythen kennt, der kennt dieses Muster: „[Feen/Elfen/Seelie/Minbari] können nicht lügen, aber durch Auslassung die Wahrheit verschleiern“. Das ist uralt1. Und ich habe diese Schreibe immer als Herausforderung für Schriftsteller gehalten, cool gefunden und solche Dialoge dann immer besonders genau beäugt. Bis mir aufgefallen ist: Nein. Das kann jeder. Das macht jeder intuitiv.

Denn Menschen haben scheinbar eine krasse Abneigung gegen klare, offene Lügen. Die meisten Leute sind einfach nicht pathologisch genug. #darktriad oder was da gerade so hip ist als Begriff. Aber Informationen auslassen und den anderen seinen Irrtümern aufsitzen lassen, das ist einfach. Denn Menschen denken grundsätzlich konstruktiv, das bedeutet, sie ergänzen Lücken zu den Gunsten des Gegenübers.

Ein Beispiel:

„Tobias, bist Du jetzt jetzt auch unter die Hipster gegangen mit dem Monster-Bart?“

„Also ich hab‘ Bart seit unserer Zeit Afghanistan“

Fakt: Seit dem Einsatz der Deutschen in Afghanistan, also etwa 2002, trage ich einen Bart im Garibaldi-Stil oder länger (früher bedeutete Garibaldi bei Bartwettbewerben mal „Vollbart unter 10cm“, heute ist das irgendwie alles, Scheiß-Hipster^^). Das hat auch damit zu tun, dass ich erst durch Bilder von dort gesehen habe, wie cool ein langer Bart sein kann (also habe ich den schon, bevor es cool wurde, ich Scheiß-Hipster^^)

Annahme des Anderen: Ich war beim Afghanistan-Einsatz dabei.

Fakt: War ich nicht.

So funktioniert das in etwa. Manchmal ist das unbewußt. 2

Das ist das Muster des Auslassens von Informationen. Damit hier noch ein wertvoller Artikel für Euch zur Trainerwahl wird, müssen wir noch über ein anderes Muster reden

Wie man ein Experte wird

Tim Ferriss kennt der eine oder andere für sein Buch „The 4-hour work week“. Die Leute, die es dann sogar gelesen haben, kennen auch seinen Tipp, wie man Experte wird, hier von mir mal auf’s Schießen umgebogen:

  • Veranstalte eine kostenlose Ausbildung für namens „Verhalten und Umgang mit Schusswaffen in Krisensituationen/im Auslandseinsatz“ für das THW. Mach‘ ihn gut, zeig den Jungs und Mädels, wie eine Waffe funktioniert, entmystifiziere sie, zeige ihnen, wie man ein Magazin rausnimmt und die Patrone aus dem Patronenlager bekommt, wo sich Sicherungen befinden usw.. Das hilft denen wirklich, falls die wirklich mal in’s Ausland müssen. Da brauchst Du nicht mal einen Schießstand für. Lass Dir auf jeden Fall ein Dankesschreiben ausstellen oder, wenn man da zurückhaltend ist, wenigstens eine Spendenquittung für aufgewendete Zeit und Material.
  • Veröffentliche einen Artikel, der Bezug nimmt auf Deine erfolgte Ausbildung von Behörden. Hey, die Magazine schlagen sich um kostenlosen Content.
  • Bewirb‘ weitere Kurse mit Verweisen auf „bereits erfolgte Behördenausbildung“. Mach‘ die auch kostenlos.

Willkommen, Du bist nun ungelogen Experte mit mehreren (=zwei) Behördenkursen und vorhandenen Veröffentlichungen (=eine, ist aber ein unbestimmter Plural) in Fachmagazinen. Und das ist nicht gemogelt. Das ist nicht mal schlimm. Das ist, wie man sich bootstrapped. 3

Wenn man das kleinschrittig macht, ist das nur fair und professionell. Gruselig wird es, wenn man diese beiden Tricks kombiniert und so mehr aus sich macht, als man ist.

Bullshitting für Schießer jeder Art: Die Kunst der Assoziation

Hier meine Highlights aus 10 Jahren taktischen Schießens:

  • Macht den Schieß-Spaß nur lange genug und ihr werdet irgendwann eingeladen zu einem Training mit einem SEK oder gleich der 10th Special Forces Group. Daraus wird gerne „bei einem Training mit einem SEK, ich glaube, es waren die Berliner…“ oder so. Das wirkt, als würde man das so regelmäßig machen, dass man die nicht auseinander halten kann.
  • Reist nur lange genug durch Europa und auf dem Schießstand nebenan schießt GIGN. Da kommt Ihr in’s Gespräch, weil ein Ricochet von denen über Eure Bahn saust. „Damals meinte ein Bekannter vom GIGN…“
  • Komplexere Dinge sind schwerer nachzuvollziehen. An dem hier bin ich selbst schuld und das ist einer von zwei Auslösern für dieses Post: „Ein Trainer von Ronin hat mir gesagt“ – in Kombination mit der Tatsache, dass ich recht differenziert über das Training bei Ronin, SA, spreche, hat das den Eindruck erwähnt, ich wäre da gewesen. Fakt ist: Nein. Ich habe mit einem ehemaligen Ronin-Trainer in Tschechien trainiert, fand die Schießausbildung etwas altbacken, und das habe ich als Ausrede benutzt, mir die Reise und das Geld zu sparen.
  • Komplex wird es dann, wenn man einen tollen Tipp bekommen hat, den aber nicht erwähnen soll. Am Beispiel von Ronin, SA (übrigens: Ronin SA ist Ronin South Africa, weil es durchaus in anderen Ländern Unternehmen dieses Namens gibt, die gerne was vom Ruhm des Originals hätten) illustriert: Ronin macht einen sehr praxisnahen Combat-Medic-Kurs. Aber wieder: Weit weg, teuer und kombiniert mit ein paar Dingen, die ich nur mitmachen würde, wenn ich mich als Trainer vermarkten wollte. Über einen anderen bekannten Combat-Medic-Trainer habe ich den schon erwähnten ehemaligen Ronin-Trainer kennen gelernt. Das verarbeitet man am besten mit „Ja, da gibt es Alternativen, aber da darf ich nicht drüber reden“.
  • Und der Höhepunkt sind dann echte Kriegserfahrungen. Einmal im Bus bei An- oder Durchreise durch ein Bürgerkriegsgebiet beschossen werden wird dann „unter Beschuss…“.
  • Mein Lieblings-Bullshit ist aber ein ganz grundlegender: Werde Bewachungsperson nach §34a GewO. Das kann ich sogar praktisch nur empfehlen – wenn der Ausbilder was taugt, lernt Ihr sehr viele nützliche rechtliche Dinge, und ihr macht auf jeden Fall Kontakte im Bewachungsbereich und kriegt als privilegierte und vermutlich gut verdienende Waffenbesitzer den Eindruck in diesen Unterschicht-, Letzte-Chance- und Resteverwertungs-Job. Ihr lernt aber vor allem die Phrase „die Kollegen“. Und dann benutzt Ihr „die Kollegen“ immer, wenn Ihr von der Polizei sprecht, wie etwa „ich habe dann die Personalien aufgenommen und die Kollegen gerufen“. Und falls jemand auf den Trichter kommt und fragt „bist Du bei der Polizei?“ sind die Antworten entweder „gegenwärtig nicht“ oder „dazu kann ich nichts sagen“.

Und jetzt hört endlich auf, mir dieses andere deutsche Blog zu empfehlen, wo der Blogger-Kollege dauernd von „den Kollegen“ spricht, aber nie explizit sagt, dass er Polizist ist. Das ist übrigens Auslöser #2 für diesen Beitrag. Tut mir immer weh‘, wenn ich mit so einem Blog gleichgesetzt werde.

Schlechter aber ehrlicher als die anderen sein

Wie macht man es nun richtig? Da bin ich vermutlich nicht der richtige Ansprechpartner für, wie schon geschrieben: Dieses Auslassen ist für mich recht intuitiv. Zumal man nicht jedes Missverständnis antizipieren kann und es im Gespräch untergeht. Dem Trainer von Welt kann ich nur raten, explizit aufzuschreiben, was los ist. Ich fange mal an:

„Hallo, mein Name ist Tobias.

Ich schieße nur aus Spaß. Taktisches Schießen ist das, was mich interessiert. Ich bin ein Amateur im Wortsinne.

Ich habe zwar einen Haufen Zettel gesammelt, auf denen alles von Sachkunde nach §34a GewO über Fachkundiger bis hin zu Personal Protection Expert drauf steht, aber professionell eingesetzt habe ich nichts davon – bis auf ein kurzes Praktikum in einer Asylbewerber-Auffangstation und ehrenamtlicher Hilfe bei einem Frauenhaus.

Beschuss habe ich nur ein Mal erlebt und es war zwar augenöffnend (Lektion: „it’s not the bullet with your name on, it’s the one with ‚to whom it may concern‘ written on it“ und so), aber nicht gezielt gegen mich gerichtet sondern nur gegen ein Fahrzeug, in dem ich zufällig saß (Lektion: „Don’t go to stupid places“) auf dem Weg zu einer Ausbildung.

Eine geladene Schusswaffe habe ich während eines Objektschutzkurses im Ausland praktisch geführt, aber nicht einsetzen müssen. Und ich bin mir sicher, dass das kein Glück war, sondern vom Veranstalter so gewollt. Insofern hat jeder beim Wachdienst bei der Bundeswehr das Gleiche erlebt.

Ich habe über 400 Stunden professionelle Ausbildung an der Waffe in Deutschland und Westeuropa gesammelt und etwa 250 Stunden in Osteuropa sowie zwei Seminare in den USA. Wenn ich mehr amerikanische Trainer erwähne als in zwei Seminare passt, dann nur, weil die in Europa zu Besuch waren 4. Wenn ich ein paar Osteuropäer nicht namentlich erwähne, dann nicht, weil die super-spezial-geheim sind 5, sondern weil ich nicht gut Russisch spreche, am Übergang von Rufname zu echtem Namen regelmäßig scheitere und bis auf die Omega-Group kein Anbieter mehr existiert, wo ich nachgucken könnte.

Für alle ausländischen Kurse habe ich meine Waffen angemeldet und den Besuchsgrund angegeben, die amerikanischen Kurse unterlagen zum Zeitpunkt ihrer Veranstaltung nicht ITAR. Ich war Co-Trainer und Übersetzer bei ein paar Kursen mit seltsamen Zeitgenossen, aber die Kurse waren alle samt Teilnehmerliste den Behörden mitgeteilt. Da ist also nichts Supergeheimes bei.

Ich kenne natürlich einen Haufen supergeheimer Leute. Meist, weil die nicht so supergeheim unterwegs sind, die sind ja auch stolz auf ihre Leistungen und ihr Wissen6. Das wird aber jedem passieren, der viel schießen geht. Himmel, wir haben aktuell zwei Ausbilder, die ganz offen darauf hinweisen, dass sie beim KSK waren. Und vor ein paar Jahren konnte man noch Kurse bei mindestens drei Deltas, die bei Blackhawk Down dabei waren, buchen.